Warum verändert Wind das Leinenhandling?
Wind greift an jede Fläche über der Wasserlinie: Sprayhood, Persenning, Segel, Mast und Freibord. Die daraus entstehende Zugkraft wird über Leinen, Klampen und Dalben abgeleitet. Böen wirken zusätzlich als kurze Stöße, weil sie das Boot ruckartig beschleunigen. Eine Leine, die bei Flaute sicher hält, kann bei Böen reißen oder ihre Klampe aus dem Deck ziehen. Hinzu kommt Scheuern, denn bewegt sich das Boot stark, reiben die Leinen an Kanten und Poller.
Deshalb beginnt gutes Leinenhandling mit einer Einschätzung: Wie stark wird der Wind, aus welcher Richtung kommt er, und wie lange hält er an? Aus dieser Einschätzung ergibt sich, wie die Leinen gelegt werden und wie viel Reserve man einplant.

Wann reichen vier Festmacher nicht mehr?
Unter normalen Bedingungen genügen meist vier Leinen. In der Box sind das zwei Vor- und zwei Achterleinen oder eine Vor- beziehungsweise Achterleine mit einem Spring. Bei Starkwind oder Sturm im Hafen reicht das nicht mehr. Dann verteilt man die Last auf möglichst viele Klampen und Anschlagpunkte, etwa durch zusätzliche Springs an verschiedenen Stellen des Bootes.
Bevor der Wind kommt, sollte man die Windangriffsfläche verkleinern. Sprayhood und Persenning werden abgenommen, Segel abgeschlagen und lose Teile an Deck gesichert. Wer die Wahl hat, nimmt lieber mehrere kürzere Taue als wenige lange. Lange Leinen sind weicher und nachgiebiger, sodass das Boot stärker schwingt. Die Festmacher sollten außerdem eine Stufe kräftiger sein als das für das eigene Boot übliche Maß. Belegt werden sie auf Klampen und Winschen, nicht auf dem Slip.
Wie setze ich Springs bei Wind richtig?
Springs sollten so lang wie möglich sein. Liegt das Boot längsseits am Steg, führt die Vorspring von der vorderen Klampe weit nach achtern, die Achterspring von der achteren Klampe weit nach vorn. Die Gegenspring verhindert, dass das Boot bei zu langen Vorleinen rückwärts gegen die Dalben oder den Steg treibt. Zwei rechtwinklig abgehende Querleinen halten das Boot vom Steg fern.
In der Box wird das Boot mit dem Bug in den Wind gelegt. So greift der Wind an der schmalsten und stabilsten Stelle an, und das Boot pendelt weniger. Achterleinen werden über Kreuz geführt, damit sich die Zugkräfte gegenseitig stützen. Am Muring oder am Anker nehmen die Achterspringe den Zug, während die Hauptleinen das Boot nur in Position halten.
Wie lege ich bei auflandigem und ablandigem Wind an?
Bei ablandigem Wind weht es vom Land aufs Wasser. Das Boot wird dann vom Steg weggedrückt, und längsseits am Steg ist diese Lage meist die günstigere. Die Leinen müssen die Position trotzdem halten, denn Böen können das Boot ruckartig vom Steg reißen. Bei Wind von vorn ist die Lage ähnlich vorteilhaft.
Bei auflandigem Wind drückt der Wind das Boot gegen Kai, Steg oder Dalben. Dann sollte man den Heckabstand zur Kaimauer vergrößern, Fender doppelt setzen und die Scheuerstellen besonders gut schützen. Ein Liegeplatz längsseits am Steg ist bei auflandigem Starkwind riskanter, weil das Boot dort kaum Abstand zu den Hindernissen hat.

Wie schütze ich Leinen vor Ruck und Scheuern?
Ruckdämpfer nehmen die Lastspitzen einer Böe auf und machen den harten Ruck zu einer weichen Bewegung. Pro Leine sollten es mehrere sein, nicht nur einer. Gummielemente eignen sich dafür am besten, Stahlfedern meist nur im Heimathafen. Bei Gummidämpfern wird die Leine mehrfach um das Element geschlungen, damit die Last nicht an einem einzigen Punkt hängt. Für Sturmtage hält man Festmacher mit montierten Dämpfern bereit.
Scheuerschutz gehört an alle Stellen, an denen Leinen auf Beton, Eisen, scharfe Kanten oder andere Leinen reiben. Geeignet sind alte Feuerwehrschläuche, Schoner aus dem Fachhandel oder Fenderstrümpfe aus doppeltem Material. Festmacher aus UV-empfindlichem Polypropylen sind ungeeignet, weil sie in der Sonne rasch brüchig werden. Alte Fallen und Schoten dienen nur im Notfall als Ersatz, und auch dann nur mit ausreichend vielen Ruckdämpfern. Bei Sturm sollte keine Leine auf dem Slip über einen rauen Poller geführt werden, denn dort scheuert sie am schnellsten durch.
Warum reicht eine lose Leine über den Dalben nicht?
Ein Urteil des Oberlandesgerichts Schleswig (Az. 11 U 80/25) zeigt, wie ernst die Verantwortung des Eigners zu nehmen ist. Ein Motorbootfahrer hatte seine Vorleinen vor einem Auslandsurlaub nur lose über Dalben gelegt. Bei einer Sturmflut rutschten die Leinen hoch, das Boot trieb gegen die Nachbaryacht und beschädigte sie. Das Gericht hat den Eigner zum Schadensersatz verurteilt.
Die Begründung ist für jeden Eigner relevant. Bei angekündigtem Hochwasser hätten die Festmacher gegen Hochrutschen gesichert werden müssen, etwa durch zusätzliche Befestigung am Dalben. Eine Abwesenheit wegen Urlaub entlastet nicht. Wer das Boot verlässt, muss vorher eine konkrete Aufsicht vereinbaren, die tatsächlich handeln kann. Der Hafenmeister ist dafür nicht automatisch zuständig, ebenso wenig die Stegnachbarn. Eine Schlüsselübergabe begründet keinen Auftrag, das Boot zu sichern. Wer sein Boot in einem Sportboothafen liegen hat, sollte zudem die dortige Hafenordnung kennen, denn sie kann zusätzliche Vorgaben machen.
Was tun bei Sturm im Hafen?
Vor dem Sturm: Warnungen ernst nehmen und die Entwicklung der Wasserstände am eigenen Liegeplatz beobachten. Regionale Vorhersagen treffen nicht jeden Hafen genau. Dalben müssen hoch genug sein, damit die Leinen auch beim erwarteten Wasserstand greifen. Die Leinen sollten so belegt sein, dass sie unter Last nicht von allein rutschen. Ein einfacher Schlaufenknoten kann sich lösen, wenn die Last nachlässt. Wo der Dalben es zulässt, ist ein Mastwurf mit zwei halben Schlägen die sicherere Wahl. Dabei muss so viel Leinenlänge bleiben, dass das Boot mit dem steigenden Wasser mitgehen kann.
Während des Sturms: Niemand sollte bei Sturm an Bord oder auf dem Steg arbeiten, wenn Böen, Brandung oder umherfliegende Teile eine Gefahr darstellen. Kontrollen sind möglichst vom sicheren Ufer aus vorzunehmen. Sind Leinen gerissen oder hat sich ein Boot gelöst, hat die Sicherheit der Person Vorrang vor dem Boot.
Nach dem Sturm: Alle Leinen, Klampen, Dalben und Fender auf Scheuerstellen, Einrisse und Verformungen prüfen. Auch eine unscheinbar abgenutzte Leine kann deutlich an Tragkraft verlieren. Im Zweifel wird sie ersetzt, und zwar unabhängig davon, ob sie noch gut aussieht. Herstellerangaben zur Belastbarkeit gelten dabei als Maßstab.
Häufig gestellte Fragen
Wie verlängere ich eine Festmacherleine sicher?
Am besten mit zwei ineinandergesteckten Palsteks oder mit einem Hunter’s Bend. Vom Kreuzknoten ist abzusehen, weil er unter Last leicht aufgeht.
Wie oft sollte ich Festmacher auf Verschleiß prüfen?
Vor jeder Saison, nach jedem Sturm und bei jedem Hinweis auf Aufrauung oder Scheuerstellen. Bei Unsicherheit ersetzt man die Leine und hält sich an die Herstellerangaben.
Gelten in ganz Deutschland dieselben Regeln für Sportboothäfen?
Nein. Landesrecht, Hafenordnung und Anweisungen der Hafenbehörde können sich unterscheiden. Vor dem Anlegen erkundigt man sich deshalb bei der zuständigen Stelle des jeweiligen Hafens.