Die gängige Faustregel lautet: drei- bis fünfmal so viel Kette, wie das Echolot Wassertiefe anzeigt. Sie berücksichtigt den Wind nicht und fällt in großer Tiefe oft zu lang aus. Entscheidend sind deshalb Windstärke, Ankergeschirr und die Lastangaben des Herstellers, nicht eine feste Zahl, die für jede Bucht passt.
Wie viel Kette gehört bei welcher Wassertiefe auf den Grund?
Die Fachzeitschrift nennt das Drei- bis Fünffache der Wassertiefe, ein Ratgeber für Ankermanöver mindestens das Fünffache. Wer auf der sicheren Seite bleiben will, rechnet deshalb mit dem Fünffachen als Untergrenze. Bei 5 m Wassertiefe bedeutet das mindestens 25 m Kette.
Entscheidend ist auch, wo die Tiefe gemessen wird. Das Echolot liefert den Wert unter dem Kiel, die Kette läuft aber vom Bug aus. Deshalb sollte die Tiefe an der Ankerwinde im Bug abgelesen werden. Der Unterschied kann 2 bis 3 m betragen, und bei knapp bemessener Kette kann er darüber entscheiden, ob der Anker hält. Markierungen auf der Kette helfen zusätzlich, beim Auslaufen den Überblick zu behalten.

Warum die Faustregel in großer Tiefe nicht trägt?
Die Regel rechnet nur mit der Tiefe. Die Kraft, die am Anker zieht, hängt aber vor allem vom Wind ab. Deshalb versagt die feste Zahl in beide Richtungen.
In großer Tiefe ist sie oft zu lang. Die Fachzeitschrift rechnet bei 8 m Wassertiefe nach der Fünf-Mal-Regel mit 40 m Kette, während bei 15 Knoten Wind 28 m ausreichen. Im Flachwasser ist es umgekehrt: Bei 2 m Wasser plus 1 m Freibord, also 3 m, ergibt die Regel 15 m. Der Zug bei 15 Knoten hebt die Kette dort jedoch so weit an, dass sie die Ankerstange nach oben zieht. Dort sollte schon bei mäßigem Wind mehr als das Fünffache der Wassertiefe gesteckt werden.
Für die Praxis ist deshalb die Lastkurve maßgeblich. Fachdiagramme zeigen die maximale Belastung des Ankers über der Kettenlänge. Nur Längen unterhalb der Kurve bleiben im zulässigen Bereich. Ein solches Diagramm gilt jedoch für ein bestimmtes Ankergeschirr. Für das eigene Boot sind deshalb die Angaben des Herstellers von Anker und Kette maßgeblich, nicht eine Zahl aus einem allgemeinen Ratgeber. Wer bei zunehmendem Wind ankert, sollte mit mehr Kette rechnen als bei Flaute.
Kette oder Leine: Wie verändert das die Länge?
Die Kette sorgt dafür, dass der Zug möglichst waagerecht am Anker ankommt. Die Leine ist elastisch und federt Lastspitzen ab. Verbreitet ist deshalb ein kurzer Kettenvorlauf mit anschließender Leine. Das spart Gewicht und Platz im Bug. Mit Kettenvorlauf muss allerdings mehr Leine gesteckt werden als bei durchgehender Kette mit Dämpfungsstropp, also einer Leine zwischen Kette und Bootsbeschlag, die Stöße aufnimmt.
Ein Rechenbeispiel der Fachzeitschrift zeigt den Unterschied: Bei 6 m Wassertiefe und 15 Knoten Wind braucht man mit 10 m Kettenvorlauf zusätzlich 27 m Leine. Mit durchgehender Kette und Dämpfungsstropp reichen 26 m Kette. Die Zahlen gelten nur für dieses Beispiel. Die eigenen Werte ergeben sich aus dem Ankergeschirr und den Bedingungen.
Bei reinem Tauwerk gilt eine andere Faustregel: Es sollte das Achtfache der Wassertiefe gefiert werden. In großer Tiefe wird diese Länge schnell unhandlich, weil sie viel Platz beansprucht und das Auslaufen und Einholen lange dauert.
Wo ankert man: Platz, Grund und Wind?
Vor dem Ankern sollte man den Wind und die Strömung berücksichtigen, denn das Boot dreht sich um den Anker. Als grobe Planungsgröße gilt: Der Schwoikreis reicht etwa so weit wie die gesteckte Kette zuzüglich der Bootslänge. In diesem Kreis dürfen keine Untiefen, Ufer oder andere Boote liegen. Dreht der Wind, schwojt das Boot auf die andere Seite, und die Lage ändert sich.
Den Grund liest man vorher aus der Seekarte ab. Sie zeigt die Beschaffenheit des Bodens, und sie ist die Grundlage, um Kettenlänge und Ankerplatz zusammen zu planen. Wer den Grund nicht kennt, sollte den Anker nicht auf gut Glück setzen.
Wie wirft man den Anker richtig?
Der Ablauf folgt in der Regel diesen Schritten, die die Crew vorher besprechen sollte:
- Die Winde testen. Ankerwinden geben häufig etwa einen Meter Kette pro Sekunde aus. Damit lässt sich abschätzen, wie lange der Auslauf dauert.
- Langsam rückwärts fahren. Der Skipper steuert langsam rückwärts mit dem Wind, während die Crew den Anker vorbereitet.
- Anker fallen lassen. Auf das Kommando „Lass fallen!“ läuft die Kette, und die Crew zählt langsam bis 25. Bei etwa einem Meter pro Sekunde entspricht das rund 25 m Kette, passend zum Beispiel mit 5 m Wassertiefe. Bei anderer Tiefe wird die Zählzeit entsprechend angepasst.
- Winde stoppen. Danach folgt der Test der Haltekraft.
Während die Kette läuft, dürfen Hände und Füße nicht in ihre Nähe kommen. Ein Crewmitglied beobachtet den Ablauf am Bug und meldet Störungen sofort. Eine klemmende oder hakende Kette ist ein Grund, das Manöver abzubrechen.

Wie prüft man, ob der Anker hält?
Nach dem Stoppen der Winde fährt der Skipper sanft rückwärts, bis die Kette gespannt ist, und gibt dann kurz mehr Schub. Springt die Kette oder vibriert sie an der Winde, rutscht der Anker. Dann wird die Kette wieder eingeholt und das Manöver von vorn begonnen, bevor man die Position als sicher betrachtet.
Ein einfacher Kontrollpunkt sind zwei Landmarken am Ufer, die man vor dem Anker in einer Linie sieht. Bleiben sie in Linie, hält der Anker. Wandern sie auseinander, treibt das Boot. Diese Methode funktioniert unabhängig von der Wassertiefe.
Eine Sichtprüfung mit Maske und Flossen ist nur bei klarem Wasser und geringer Tiefe sinnvoll. Ab etwa zehn Metern wird der Anker oft nicht mehr erkennbar. In großer Tiefe muss die Prüfung deshalb über Peilung und das Verhalten des Bootes erfolgen.
Wann ist Ankern in großer Tiefe keine gute Wahl?
Ankern in großer Tiefe wird riskant, wenn mehrere Bedingungen zusammenkommen: frischer Wind, Seegang, unsicherer Grund oder zu wenig Platz zum Schwojen. Dann wird die nötige Kettenlänge schnell unpraktisch, die Haltekraft lässt sich schlecht prüfen, und ein Abtreiben bleibt unbemerkt, solange niemand an Bord ist. In solchen Fällen ist ein Hafen oder ein geschützter Liegeplatz die bessere Wahl.
Auch lokale Regeln sind zu beachten. Ein Beispiel ist der Rummelsburger See in Berlin: Dort darf außerhalb markierter Liegeplätze oder zugelassener Festmacher nur geankert werden, wenn sich eine Aufsichtsperson ständig an Bord aufhält. Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt des Bundes hat diese Regel am 1. Juni 2024 erlassen, sie ist auf drei Jahre befristet. Das Verwaltungsgericht Berlin hat den Eilantrag gegen die Regel im März 2026 abgelehnt und sie nach summarischer Prüfung als rechtmäßig eingestuft. Die Regel gilt nur für dieses Gewässer, zeigt aber, dass Ankerregeln örtlich sein können.
Welche Fehler passieren beim Ankern am häufigsten?
- Die Tiefe unter dem Kiel statt am Bug abgelesen, wodurch die Kette zu kurz bemessen wird.
- Die Kettenlänge nur nach der Wassertiefe gewählt und der Wind vergessen.
- Die Ausgabegeschwindigkeit der Winde nicht getestet, sodass der Auslauf unkontrolliert erfolgt.
- Die Haltekraft nicht geprüft, bevor man das Boot verlässt.
- Bei Kettenvorlauf zu wenig Leine gesteckt.
Häufig gestellte Fragen
Was tue ich, wenn sich der Anker festgesetzt hat?
Nicht mit Gewalt ziehen und die Winde nicht überlasten. Häufig hilft es, das Boot mit dem Motor langsam über den Anker zu fahren, um den Zug zu entlasten. Bleibt der Anker fest, sollte man Hilfe holen, statt das Geschirr zu beschädigen.
Wie erkenne ich den Ankergrund auf der Karte?
Die Seekarte zeigt die Beschaffenheit des Bodens mit Kürzeln und Farben. Die Erläuterungen zu den Zeichen stehen auf der Karte beziehungsweise in den amtlichen Seekarten-Erläuterungen. Ist der Grund dort nicht eindeutig angegeben, sollte man den Ankerplatz vorsichtiger wählen.
Worauf muss ich die Ankerausrüstung vor der Fahrt prüfen?
Kette, Verbindungsglieder, Schäkel und die Befestigung am Bug sollten auf Verschleiß und Beschädigung kontrolliert werden. Ebenso wichtig sind die Angaben des Herstellers zu Größe und zulässiger Belastung von Anker und Kette. Die Winde sollte vor dem ersten Einsatz einmal im Ablauf getestet werden.